Texterstellung: Von Dumpinglöhnen und hochqualitativen Dienstleistungen

Texterstellung: Von Dumpinglöhnen und hochqualitativen Dienstleistungen

Keinen Artikel mehr verpassen: Jetzt Newsletter abonnieren!

Ein Interview mit Tanya Quintieri (Präsidentin DVÜD, Deutscher Verband der freien Übersetzer und Dolmetscher e.V.)

Passend zu der am Montag Abend im Ersten gelaufenen Sendung zu den Dumpinglöhnen und dem vermehrten Auftreten von sogenannten Lohnsklaven in Deutschland möchte ich das Thema in etwas abgewandelter Form direkt noch einmal aufgreifen. Immerhin handelt es sich bei meinem Arbeitsbereich ebenfalls um eine Dienstleistung, welche zumindest in Teilbereichen mit einem durchaus breitgefächerten Lohnniveau zu kämpfen hat. Im Gegensatz zur Reportage geht es im Bereich der textlichen Dienstleistungen jedoch schon lange nicht mehr um den Preis in Euro, sondern um den pro Cent.

Während andere Branchen um ein paar Prozent Gehaltserhöhung feilschen und sich die Gesellschaft immer wieder entrüstet über die kleineren und größeren Skandälchen bei Amazon aufregt, sehen viele gar nicht, wie weit es mit dem Lohndumping in Deutschland schon gekommen ist.

Gerade im textlichen Bereich scheint es momentan eine wahre Zweiklassengesellschaft zu geben. Vor allem im Online-Bereich gibt es Anbieter, die schon für einen geringen Centwert pro Wort oder Zeile ihre Produkte anbieten, wohingegen andere Agenturen nach Stundensätzen abrechnen oder zumindest den Bereich der Euros erreichen. Wie seriös oder erfahren diese Dienstleister arbeiten kann natürlich nicht nur am Preis festgemacht werden, aber je nachdem, für welche Lösung man sich entscheidet, sollte man sich bewusst machen, was man mit seinen Texten erreichen möchte.

Durch die neuen Qualitätsupdates von Google werden Texte und vor allem die geschriebene Qualität dieser Texte immer bedeutender. Um Ihnen einen Überblick zu verschaffen, mit welchen Ausgaben man für textliche Dienstleistungen, auch im Übersetzungsbereich rechnen sollte und wie man diese seriösen Anbieter erkennt, habe ich mir wieder einmal einen Interviewpartner gesucht. Genauer gesagt eine Interviewpartnerin. Frau Tanya Quintieri ist Präsidentin des DVÜD (Deutscher Verband der freien Übersetzer und Dolmetscher e.V.) und somit eine Expertin auf dem Gebiet der Texterstellung und Übersetzung. Freuen Sie sich nun auf unser umfangreiches und sehr spannendes Interview mit Frau Quintieri.

LOGO DVÜD quer

SEOPT: Sehr geehrte Frau Quintieri, vielen Dank, dass Sie die Zeit für ein Interview gefunden haben. Neben Ihrer Tätigkeit als Präsidentin des DVÜD sind Sie noch in mehreren anderen Online-Agenturen involviert. Stellen Sie sich doch einfach einmal kurz vor, damit auch die Leser wissen, wo Ihre Arbeitsbereiche liegen.

Frau Tanya Quintieri, Präsidentin DVÜDTanya Quintieri (TQ): Liebe Frau Schrader, ich habe zu danken! Wie gesagt, bin ich Gründungsmitglied und Präsidentin unseres Berufsverbandes. Der entstand aus dem Engagement als Moderatorin auf XING. 2011 habe ich gemeinsam mit ein paar tollen Kolleginnen und Kollegen aus dieser XING-Gruppe beschlossen, dass man nicht immer alles auf die Kunden schieben darf, sondern man sich eigentlich innerhalb der Branche für mehr Professionalität aussprechen muss. Dazu gehört auch, dass man sich nicht auf existenzgefährdende Preiskämpfe einlässt. Das erfordert Mut und Kraft, aber in der Gemeinschaft kann man da mehr erreichen, als man es allein kann. Auch wenn unser Beruf förmlich für das Einzelkämpfertum prädestiniert ist – da wollten wir etwas ändern.

Das Thema Honorarfeilschen kenne ich aber auch aus meiner eigenen Firma. Gemeinsam mit meinem Partner führe ich eine Designagentur für Unternehmenskommunikation, die PatchworkLabs in Berlin. Verpassen Sie mal der Kreativität ein Preisschild. Aber wir sind da konsequent und verkaufen uns nicht unter Wert. Allerdings ist das in unserem Fall auch gar nicht nötig. Ich glaube, Kunden merken sehr wohl, wo sie feilschen können und wo nicht. Es ist die innere Haltung die man ausstrahlt. Auf jeden Fall kann ich mir durch meine Arbeit noch diverse kleinere Projekte finanzieren, die einfach Herzensangelegenheiten sind. Für Außenstehende sieht das dann aus, als würde ich 12 Stunden am Tag ackern – tatsächlich habe ich aber einfach unheimlich viel Spaß an meinem Beruf und betreibe ihn teilweise eben auch als Steckenpferd. Das Bloggen gehört dazu.

SEOPT: „Begegnet“, wenn man es so sagen kann, sind wir uns bei einem Gastbeitrag von mir auf Mediencluster.at. Dort habe ich auf ein Angebot für eine Texterstellung (via Facebook) reagiert, die dem Autoren sage und schreibe zwei Cent pro Wort eingebracht hätte. Insgesamt ging es in dem Angebot um sieben Texte a 500 Wörter. Nach gut 30 Kommentaren, die alle nicht gerade zimperlich mit der Erstellerin dieses Beitrages umgingen, hatte sie diesen Beitrag entfernt und einen neuen Beitrag gepostet indem nun beim Preis „Verhandlungssache“ angegeben war. Innerhalb kürzester Zeit waren die sieben Texte dann vergeben.

Sie haben meinen Artikel kommentiert und mir weitestgehend zugestimmt. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen diesen Abrechnungsmethoden?

TQ: Wie gesagt, ich glaube, man sollte immer erst bei sich anfangen, bei der eigenen inneren Haltung. In Ihrem Gastbeitrag hatte ich kommentiert, dass ich schon seit einiger Zeit meine Zeit verkaufe und nicht einzelne Worte. Ich denke, es macht auch einen großen Unterschied, ob man seine eigene Leistung pro Einheit mit einem Cent-Betrag gleichsetzt oder mit einem Stundenhonorar. „Meine Leistung ist 0,12 Euro wert“ vs. „Meine Leistung ist 79 Euro wert“. Außerdem ist es meiner Meinung nach völlig unnötig, mit Endkunden über Wortpreise zu sprechen. Für die meisten ist das eine völlig abstrakte Abrechnungsart und verwirrt nur. Wenn ich zum Beispiel schwierige Texte übersetze, dann kann der Wortpreis durchaus auch mal 3 x so hoch sein – denn er basiert schließlich auf dem, was ich pro Monat umsetzen muss, um mein Leben zu finanzieren. Der gemeinsame Nenner ist also immer der Stundensatz.

SEOPT: Sie arbeiten als geprüfte Übersetzerin für Deutsch und Englisch und haben den DVÜD im November 2011 gegründet. Was waren Ihre Intentionen, die hinter der Gründung dieses Verbandes steckten?

TQ: Nun, ich bin Quereinsteigerin und habe anfangs viele, viele Fehler gemacht. Technisch war ich sicherlich eine gute Übersetzerin, aber was das Drumherum angeht … Angefangen bei der Kalkulation meiner Leistung bis hin zum Umgang mit Spitzen und Untervergaben. Ich wusste nichts über Methoden, Übersetzungssoftware oder Nachschlagewerke. Einzig meine kaufmännische Ausbildung und Berufserfahrung im Personalwesen und im Marketing haben mich davor bewahrt, mein Büro völlig an die Wand zu fahren.

Es gibt viele gute Quereinsteiger! Je nach Fachrichtung sind Quereinsteiger sogar die besseren Übersetzungsdienstleister, weil sie viel tiefere Einblicke in die Materie haben und wissen, wie es in der Wirtschaft läuft. Und dann gibt es studierte Übersetzer, die unglaublich gut übersetzen, aber eben keine unternehmerischen Kompetenzen haben. Wir wollten also einen virtuellen Ort schaffen, an dem man offen miteinander in den Dialog treten kann, um voneinander zu lernen.

Das Berufsbild ist aus vielen Gründen heute einfach ein völlig anderes, als es das noch vor 20 Jahren war. Wie in vielen anderen Branchen auch, gibt es leider auch viele nicht qualifizierte Leute da draußen – aber das Internet macht es möglich. Gleichzeitig haben die professionellen Übersetzer die Konkurrenz aus dem Ausland im Nacken sitzen. Wir haben in Deutschland nun mal ganz andere Lebenshaltungskosten, als beispielsweise die Kolleginnen und Kollegen in Indien, der Türkei oder in Polen. Letztlich geht es aber darum, die Branche von innen heraus zu professionalisieren und gleichzeitig den Dialog mit der Wirtschaft zu suchen. Mir geht es nicht in den Kopf, dass eine Firma fünf Mann in der Marketingabteilung beschäftigt und die wochenlang an wichtigen Texten feilen, dann aber vom Übersetzer verlangen, dass der innerhalb 12 Stunden 30 Seiten übersetzt und das am besten zu 5 Cent pro Wort. Das ist unlogisch und hochgradig unwirtschaftlich und nicht sonderlich schlau.

Der DVÜD soll also einerseits dem Know-How-Transfer unter Kolleginnen und Kollegen dienen, gleichzeitig ein Ansprechpartner für die Wirtschaft sein. Wir sind noch jung – aber wir bauen unser Angebot laufend aus und ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Wir werden die Welt nicht verändern, aber wir können Kolleginnen und Kollegen das Rüstzeug für eine erfolgreiche Selbstständigkeit mit auf den Weg geben und den Unternehmen in der Wirtschaft, die Wert auf Qualität legen, aufzeigen, worauf sie bei der Wahl ihres Dienstleisters achten müssen.

SEOPT: Bei Ihrem Projekt PatchworkLabs ist mir ein sehr interessanter Satz aufgefallen: „Preislisten führen wir keine. Denn jeder Text ist anders […]. Keine Wortpreise, keine Zeilenpreise. Nur unsere Zeit für Ihr Projekt.“

Ich bin der Meinung, dass man diese Aussage auf alle textlichen Arbeiten beziehen kann. Sowohl die reine Texterstellung als auch das Übersetzen dieser Texte. Wieso sind Sie davon überzeugt, dass eine zeitgenaue Abrechnung die bessere Alternative darstellt.

TQ: Weil es ehrlich ist. Ganz einfach. Es ist mir gegenüber ehrlich und auch dem Kunden gegenüber. Außerdem sind gerade Marketing-Texte schwierig einzuschätzen. Da kann es schon mal sein, dass man für eine Headline oder für einen Slogan länger braucht. Ich erinnere mich an eine Situation: Es ging um einen Slogan für ein Produkt, der im Deutschen aus nur 3 Worten bestand. Der konnte nicht wortwörtlich übersetzt werden. Insgesamt gingen die Abstimmungsrunden mit dem Kunden über zwei Tage. Natürlich gingen dabei keine 16 Stunden drauf, aber hätte ich das mit 3 x 12 Cent berechnet, wäre das jenseits von Gut und Böse gewesen.

SEOPT: Was glauben Sie, was einen Experten ausmacht? Wie kann man als Auftraggeber erkennen, ob man nun an einen Experten oder einen Amateur geraten ist?

TQ: Das ist schwierig. Ich denke, man sollte auf Empfehlungen hören. Wenn es die nicht gibt, dann auf die Seiten der Berufsverbände gehen und sich die Mitgliederlisten ansehen. Und man sollte unbedingt auf sein Bauchgefühl hören. Ein guter Dienstleister stellt Fragen. So lange, bis er seinen Auftrag wirklich verstanden hat. Ein Experte lässt sich auf den Kunden ein und stellt sich nicht in den Vordergrund. Dennoch berät er und hat dabei immer die Ziele des Kunden im Blick. Außerdem ist ein Experte nicht billig. Das würde sich beißen. Es gibt ein Sprichwort in meiner Muttersprache: You get what you pay for. Ich finde, Worte für jemand anderen zu finden oder die Worte eines anderen zu übersetzen, das ist mitunter etwas sehr Persönliches. Ein guter Dienstleister empfindet auch Respekt für den Kunden, aber er untergibt sich nicht.

SEOPT: Glauben Sie, dass man z.B. auch als Student bzw. Auszubildender dieselben Leistungen erbringen kann wie ein Profi? Wo liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen „ich habe da einen Freund, der kann das“ und einem „ungeschliffenen Diamanten“, dem man die Erstellung bzw. Übersetzung einer Homepage anvertrauen kann? Haben Sie beispielsweise auch schon während Ihres Studiums Übersetzungsdienste geleistet?

TQ: Nein, das glaube ich nicht. Wie gesagt, ich habe das Übersetzen nicht studiert. Ich fing damit „on the Job“ an. 2003 merkte ich, dass man damit ganz gut nebenbei verdienen kann und dass es Spaß macht. Seit 2009 bin ich komplett selbstständig. Dass ich heute da bin, wo ich bin, hat aber nicht nur mit Talent zu tun, sondern vor allem mit harter Arbeit, meinem langjährigen kaufmännischen Hintergrund und einem langen Lernprozess.

Ich habe seither pro Jahr etwa drei Praktikanten. Manchmal haben die Studenten wirklich Talent, andere machen fehlendes Talent durch Fleiß wett. Aber auf Kunden würde ich keinen davon ungefiltert loslassen. Erstens beherrschen sie das Übersetzen schlicht nicht auf einem ausreichenden Niveau. Und es fehlt ihnen an Professionalität, Erfahrung und dem nötigen Einblick ins Geschäft. Woher soll ein Student das alles auch schon können? Dafür studieren sie es ja gerade und darum machen sie Praktika.

SEOPT: Punkt zwei der Ziele des DVÜD ist es, „Verständnis für die Leistungen und die Probleme der Berufsstände“ zu schaffen und für Transparenz am Markt zu sorgen. Glauben Sie, dass sich viele Übersetzer und Textersteller (ganz egal ob freie oder festangestellte Redakteure und Texter) unter Wert präsentieren?

TQ: Ja. Viel zu oft. Ich bin davon überzeugt, dass einer der Gründe der ist, dass sie den Wert ihrer Leistung einerseits nur am Geld fest machen und nicht am Wert bemessen, den ihre Leistung für den Kunden hat. Zum anderen liegt es aber eben auch daran, dass sie zulassen, dass der Preis für ihre Leistung pro Einheit in Cent-Beträgen gemessen und verglichen wird. Dazu kommt das Verständnis der Gesellschaft ganz allgemein dazu, nämlich dass schließlich jeder schreiben kann und Englisch (zum Beispiel) haben wir doch alle in der Schule gelernt. Die wenigsten wissen, wie viel Aufwand hinter der Übersetzung oder dem Texten steckt. Und das wollen wir ändern. Den wenigsten Kunden ist auch klar, wie viel Kompetenz nötig ist, um die richtigen Worte zu finden. Die überwiegende Mehrzahl der wirklich professionellen Sprachdienstleister haben eine fundierte Ausbildung, bilden sich regelmäßig weiter und wissen einfach, wovon sie sprechen – beziehungsweise schreiben.

SEOPT: Mein Artikel scheint „das Lager“ der Textersteller momentan in zwei Bereiche zu spalten. Entweder bekommt der Beitrag Zustimmung und es wird gesagt, dass sich etwas an den Beträgen im Textbereich ändern sollte, oder er wird eher negativ bewertet und als realitätsfern bezeichnet. Warum ist der Wort- oder Zeilenpreis in diesem Bereich so weit verbreitet und wird stellenweise so vehement verteidigt? Sehen Sie die billigeren Anbieter als Konkurrenz oder glauben Sie, dass diese ein anderes Marktsegment bedienen?

TQ: Wort- und Zeilenpreise sind eben gut vergleichbar. So scheint es auf den ersten Blick. Stundenhonorare hingegen können stark schwanken. Manche meiner Kolleginnen machen große Augen, wenn ich sage, dass mein Stundenhonorar bei 79 Euro netto liegt. Aber das ist relativ, denn ich habe auch mehr Kosten als jemand, der keine Kinder, kein Haus und vielleicht andere Hobbies hat. Oder jemand der in Indien übersetzt. Auf der anderen Seite: Vielleicht bin ich ja so gut, dass ich einen Job in einer Stunde erledige, für den jemand anders 3 Stunden benötigt. Das relativiert sich dann also wieder unterm Strich.

Ehrlich gesagt sehe ich die billigen Anbieter nicht als Konkurrenz. Mich wird es auch noch in 30 Jahren geben, weil ich mich nicht mit 15-Stunden-Tagen kaputt mache. Ich wirtschafte so, dass ich mein Geschäft nachhaltig führen kann. Ich habe Zeit, um zu leben. Kunden, die nur darauf achten, möglichst billig einzukaufen und den Wert meiner Arbeit nicht schätzen, die will ich überhaupt nicht. Selbst handle ich auch nicht nach der Geiz-ist-Geil-Mentalität. Ich habe selbst ein hohes Qualitätsbewusstsein und mir ist bewusst, dass zum Beispiel ein Kilo gutes Fleisch nun mal nicht für 4 Euro zu haben ist. Ich glaube: Gleich und gleich gesellt sich gern. Die richtigen Kunden finden mich. Ich sage nicht, dass gute Leistung teuer sein muss. Aber sie muss preis-wert sein. Das bedeutet, die Leistung muss ihren Preis wert sein und Wert hat seinen Preis.

Realitätsfern ist Ihr Beitrag übrigens nur für diejenigen, die sich über ihren Preis definieren und die nichts an ihrer Situation ändern können. Aus welchen Gründen auch immer.

SEOPT: Mir ist aufgefallen, dass viele der Kritiker des Artikels Ihre Leistungen ab etwa fünf Cent pro Wort anbieten. Würden Sie diesen Betrag als ausreichend für eine kreative Dienstleistung ansehen? Gerade bei den kritischen Stimmen ist mir aufgefallen, dass hier die reine Texterstellung frei von jeder Kreativleistung gesehen wird. Beginnt hier nicht schon das Problem?

TQ: Allerdings. Wenn man mit 5 Cent pro Wort auf einen ordentlichen Stundensatz kommt … und mit ordentlich meine ich auskömmlich, dann ist das okay. Wenn man damit seine Altersvorsorge, Krankenversicherung, Versicherungen, Freizeit etc. bezahlen kann und so arbeiten kann, dass man nicht Raubbau am eigenen Körper betreibt: Ja. Aber das bezweifle ich sehr. Denn mit diesen 5 Cent wird ja nicht nur die Zeit abgegolten, die man tatsächlich textet, sondern auch Zeiten für Administratives, Akquise, Leerlauf usw. Das kann nicht funktionieren. Geschweige denn kann man sich für 5 Cent wirklich mit der Botschaft des Textes noch mit dem Kunden und seiner „Stimme“ auseinandersetzen. Ich glaube, vom Texten oder Übersetzen kann man da nicht mehr sprechen.

Ein weiteres Problem sehe ich aber auch im Bereich Copyright. Ich wette mit Ihnen, wenn wir uns jetzt 100 Rechnungen von unterschiedlichen Textern oder Übersetzern ansehen, haben vielleicht 2 oder 3 einen Passus zum Copyright aufgeführt. Bei 5 Cent kann unmöglich das Nutzungsrecht berücksichtigt sein. Vielleicht finden Sie bei 10 dieser Dienstleister einen Passus in ihren AGBs. Aber die wenigsten machen sich meiner Meinung nach Gedanken darüber.

Auch ein schönes Thema: Übersetzungen und Texte sind Werksleistungen und damit sofort zur Zahlung fällig. Aber die meisten Dienstleister bieten Zahlungsziele von 30 Tagen an oder nehmen sie hin. Ohne dass sie das in ihren Preisen berücksichtigen. Bei einem Umsatz von 5.000 Euro im Monat ist das ein Zinsverlust von einem netten Kurzurlaub im Jahr.

SEOPT: Ich muss zugeben, dass ich mich ausschließlich auf den Online-Bereich konzentriere. Sie haben aber sicherlich genügend Erfahrungen aus dem Printbereich, welche Sie mit uns teilen können. Gibt es eine Unterscheidung der Honorare zwischen dem Print- und Online-Bereich? Glauben Sie, dass der Online-Bereich sich selbst nicht für „voll“ nimmt und eher kleinere Brötchen backt?

TQ: Das ist eine gute Frage. Ich denke, ja – das tun viele. Vielleicht weil man auf Grund des Internets einfach viel, viel häufiger darauf gestoßen wird, wie groß die „Konkurrenz“ ist. Geben Sie doch mal bei XING in die Suche „Person bietet“ das Wort „Texte“ ein. Da wird Ihnen schwindelig. Und viele neigen dann dazu, dem Preiskampf zu verfallen.

Außerdem hat alles, was online ist, gefühlt einen eher flüchtigen Charakter. Wenn ein Text im Hochglanzmagazin oder in einer Broschüre gedruckt wird, dann hat das Bestand, einfach weil es greifbar ist. Bei Online-Texten ist auch schnell mal was geändert. Ich glaube, der Print-Bereich wird auf Grund seiner Gesamtkostenstruktur als wertiger betrachtet. Was schade ist. Ich persönlich mache da keinen Unterschied. Ich sehe das Gesamtbild der Unternehmenskommunikation.

SEOPT: Mit welchen Vorurteilen haben Sie im Bereich der Anfragen am meisten zu kämpfen? Gibt es bestimmte Aussagen, denen Sie immer wieder begegnen?

TQ: Oft wird der Zeitfaktor massiv unterschätzt. Nicht der, der eigentlichen Arbeit, also dem Übersetzen an sich. Aber alles, was dazu gehört: Sich in die Materie einfinden, die Ausgangstexte aufbereiten, sich mit dem Unternehmen befassen, die Texte liegen lassen, um sie später mit frischem Blick noch mal zu überarbeiten. Zeit ist der „Huch!-Faktor“ Nummer eins. Man muss mit dem Kunden auf den gemeinsamen Nenner kommen, dass man frühzeitig mit ins Boot geholt wird. Die große Herausforderung bei Marketingtexten aller Art ist es, die Produkte des Kunden zu kennen. Das Zielpublikum des Kunden zu kennen. Die Ziele des Unternehmens zu kennen. Alles, oder zumindest viel von dem, was der Marketingleiter des Kunden weiß, muss ich auch wissen. Nur dann kann ich optimal für ihn tätig werden.

Das größte Vorurteil ist demnach, dass man bei mir Texte ablädt und ich sie einfach nur übersetze und zurück schicke. So funktioniert das aber nicht.

Ein weiteres „Vorurteil“ ist, dass ich alles übersetzen kann. Dem ist nicht so. Es gibt Texte, die rühre ich nicht an. Einerseits, weil mir dazu die Kompetenz fehlt, bei medizinischen Fachtexten. Oder aber, weil ich viel zu lange brauchen würde, um eine Übersetzung anzufertigen, die meinem eigenen Anspruch gerecht wird. Dann würde es unverhältnismäßig teuer werden. Das erspare ich meinen Kunden. Aber ich habe ein gutes Netzwerk, sodass ich keinen Kunden enttäuscht wegschicken muss.

SEOPT: Viele unserer Kunden sind Online-Shop-Besitzer, von denen einige auch mehrsprachig aufgestellt sind. Gibt es Ihrer Meinung nach Fehler, die immer wieder „gerne“ gemacht werden von kleinen und mittelständigen Unternehmen?

TQ: Ohja! Das fängt beim Programmieren des Webshops an. Es gibt Sprachen, bei denen die Textlängen einfach von vorn herein um gut ein Drittel länger werden. Solche Dinge werden gerne vergessen. Ein weiteres Phänomen: Webshopbetreiber denken oft, es reicht, wenn der Text so ungefähr stimmt. Tatsächlich fühlt sich der Nutzer, sprich der Kunde des Webshops, nicht wertgeschätzt und sucht sich eher einen anderen Anbieter, wenn die Texte schlecht formuliert oder schlecht übersetzt sind. Da gibt man Unsummen für tolle Produktfotos aus, aber in der sprachlichen Kommunikation lässt man es dann schleifen und wundert sich, warum das Produkt auf dem einen Markt so toll funktioniert und auf dem anderen nicht. Gerade bei Webshops muss man den Kunden in diesem virtuellen Umfeld mit dem überzeugen, was man hat: Texte, Produktbilder, Botschaften. Wenn er da über seltsame Formulierungen und Rechtschreibfehler stolpert, ist das als würde er im realen Geschäft über einen Aschenbecher stolpern oder über volle Müllsäcke. Wer will das schon?

SEOPT: Was würden Sie einem Shop raten, der mit dem Gedanken spielt, seine Seiten bspw. ins Englische zu übersetzen? Mit welchen Initialkosten sollte gerechnet werden, wenn man sich an einen ausgebildeten Übersetzer wendet?

TQ: Das kommt natürlich auf den Umfang an. Aber je spezialisierter der Übersetzer ist, desto günstiger wird es. Man sollte sich an einen Übersetzer wenden, der sich zum Beispiel mit der für den Shop verwendeten Software auskennt und direkt im Backend übersetzen kann. Damit spart man sich das Exportieren und Importieren der Texte. Also Zeit.

Aber um mal ganz konkret zu werden und ein kleines Beispiel zu liefern. Diese Seite hat 48 Normzeilen. Dafür hätte ein Kunde bei mir früher für diese einfache Textart 48 x 1,25 Euro plus Steuer bezahlt. Das wären also 60 Euro netto. Was in etwa dem entspricht, was es heute nach Zeit auch kosten würde. Allerdings würde ich mir den Aufwand sparen, den Text erst auszählen zu müssen. Im Grunde gibt es sich also nichts, weil mein Zeilenpreis früher ja auf meinem gewünschten Umsatz pro Stunde basiert hat. Aber die psychologische Wirkung auf mich und auch auf meinen Kunden ist eine andere, wenn ich ein Stundenhonorar ansetze.

SEOPT: Frau Quintieri, ich danke Ihnen für dieses sehr interessante Gespräch. Sie haben mir einige wirklich interessante Punkte aufgezählt, die mir in diesem Umfang nicht bewusst waren. Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg mit dem DVÜD sowie Ihren weiteren Projekten.

TQ: Nochmal, ich habe zu danken. Ich denke, dass es wichtig ist, dass dieses Thema immer wieder in den Fokus gerückt wird. Es ist wichtig, dass man im Dialog bleibt und gewisse Dinge nicht als gegeben hinnimmt. Je mehr wir darüber sprechen, desto informierter sind wir alle und können nachhaltig etwas ändern. Das fängt im kleinen an und daraus können Bewegungen entstehen.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

Bleibe auf dem Laufenden und erhalte neue Beiträge und Insights von SEOPT per E-Mail, kostenlos!

Über den Autor

Wer schreibt eigentlich hier? Mein Name ist Helen Schrader, Diplom-Geographin und ambitionierte Bloggerin in den Bereichen SEO und Online Marketing. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit E-Commerce, Social Media, internetgestützter Markt- und Meinungsforschung sowie kollaborativen Internetumgebungen.

Weitere Artikel von Helen Schrader. Helen Schrader auf Google+. Helen Schrader auf Twitter. Eren Kozik auf Instagram.

Ähnliche Beiträge

Local SEO

Artikelserie Local SEO

Local SEO, also die lokale Suchmaschinenoptimierung, ist bereits seit längerer Zeit eins der beherrschenden Themen im Online Marketing. Der lokale Index von Google ist nicht […]

SEO für Fotografen

Der große Guide: SEO für Fotografen

SEO Für Fotografen Für Fotografen war es nie einfacher als heute ihre Bilder einer großen Zielgruppe zu präsentieren, mit der Fotografie einen Nebenverdienst zu erzielen […]


Keine Kommentare vorhanden

Du hast eine Frage oder eine Meinung zum Artikel? Teile sie mit uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*

Abonnieren Sie unseren kostenlosen E-Mail Newsletter ANMELDEN